Alltag für Anfänger
DANIEL ÜBER ERWIN
„Die“ Geschichte über meinen Vater zu schreiben ist unmöglich. Ich habe es lange versucht, hatte viele Ansätze, die ich dann unzufrieden wieder gelöscht habe weil ich einfach nicht die richtigen und nicht genug Worte gefunden habe. Mein Vater ist so vielseitig, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist alle Aspekte seiner Persönlichkeit durch eine einzige Schlüssel-Geschichte zum Ausdruck zu bringen!
Dazu kommt, der große Altersunterschied zwischen meinen Geschwistern und mir ließ mich einen Vater in einem anderen Lebensabschnitt erleben. Und Erwin Javor, den Industriellen, kenne ich eigentlich überhaupt nicht. Und dann habe ich mir gedacht, ich schreibe über meinen Vater einfach so wie ich ihn kenne und erzähle ihn durch einige unserer Vater-Sohn-Momente. In so mancher Alltagssituation kann sich mein Vater, der Industriegigant, plötzlich auch zum liebenswerten Anfänger entpuppen.
Im Alter von 9 Jahren kaufte mir mein Vater einen Basketball, und ich wünschte mir so sehr mit ihm in den Stadtpark zu fahren und mit ihm gemeinsam damit zu spielen! Also gingen wir los und setzten uns den Mysterien der öffentlichen Verkehrsmittel aus. Mein Vater hatte bis dahin noch niemals einen öffentlichen Bus geschweige eine U-Bahn betreten. Jeder kannte den Familienvater und erfolgreichen Geschäftsmann, der jede Situation erfolgreich meistern kann. Ich kenne den Erwin Javor, der mit dem einfachen Konzept eines U-Bahnnetzes völlig überfordert war. Und ehrlich gesagt, ich war schon stolz, als ich ihm, Schritt für Schritt erklären konnte, wo man eine Fahrkarte kauft, wo man einsteigt und wie viele Stationen wir fahren müssen.
Als ich 11 war, verbrachten wir den Sommer in Velden am Wörtersee, und ich kam mit einem sehr außergewöhnlichen Geburtstagswunsch zu ihm. Ich wünschte mir eine Angel. Also gingen wir ins Sportgeschäft und mein Vater kaufte mir natürlich die beste, die allerbeste Profi-Angel am Markt, spezielle chemische Köder die gewisse Pheromone abgeben und besonders große Fische anlocken, eine Angelschnur mit der man Haie aus dem Wasser ziehen kann und vor allem, das Wichtigste, ein Handbuch, damit wir auch herausfinden konnten, was wir gefangen haben würden - sollte dieser Fall eintreten. Stunden um Stunden saßen wir mit unserer Profi-Ausrüstung am Steg. Weit und breit kein Fisch, schon gar keiner, der nichts Besseres zu tun hatte, als bei uns anzubeißen. Stunden um Stunden. Der Tag verging, es wurde langsam dunkel, und endlich biss ein kleiner Fisch an, wahrscheinlich, weil er mit meinem Ernährer und mir Mitleid hatte. Das Siegesfest war spektakulär! Und meine Mutter verwandelte unsere reiche Beute in ein Abendessen. Ganz satt wurden wir nicht davon, aber für eine Vorspeise reicht unser Fang.
Vor einigen Jahren war mein Vater erkältet und meine Mutter war nicht zu Hause. Erwin Javor, der Tycoon, kam in mein Zimmer und fragte mich, ob ich wüsste wie man einen Tee „kocht. Ich ging mit ihm in die Küche und musste ihm zeigen wie man den Wasserkocher andreht und den Tee Beutel aus der Packung nimmt. Dann erkannte er hatte das Problem, das zwischen ihm und seiner Tasse Tee stand, sofort: Der Teekocher war ein Steinzeitmodell und musste dringend gegen eine Hi-Tech Version ausgetauscht werden.
Wir haben einige Gemeinsamkeiten. Vor allem teilen wir die Liebe zur Musik und zur Elektronik. Wenn sich mein Vater eine neue elektronische Spielerei kauft, dann freue ich mich 3 Mal: 1 Mal für ihn, 1 Mal mit ihm und 1 Mal wenn er sie mir schenkt damit er sich das neue Modell kaufen kann.
Andererseits waren wir in all den Jahren sehr oft anderer Meinung, und es gab auch Streitereien, die länger als nur einen Tag dauerten. Manchmal sind wir beide so stur, dass wir es sehr weit treiben und uns damit gegenseitig sehr verletzten; aber es ist nötig und auch gut. Denn die Versöhnungen sind so intensiv und zeigen uns so sehr, dass wir ohne einander nicht leben könnten.
Wir sind in so vielen Dingen so verschieden und doch so ähnlich. Wie sonst kann man es erklären, dass ich diese Geschichte 1 Tag vor der Deadline schreibe? Irgendwie erinnnert mich das sehr an jemanden, der fünf Minuten nach NU-Redaktionsschluss anfängt zu deigetzen!