Mein Papa
MARCEL ÜBER ERWIN
Wenn er in der Früh aufsteht, mein Vater, geht er in die Badewanne. Dort denkt er über Weltpolitik nach, blättert in den Zeitungen (er abonniert sämtliche österreichische Tageszeitungen und Wochenformate, die Zürcher Zeitung, die Frankfurter Allgemeine, den Spiegel…) und macht sich Sorgen. Er macht sich Sorgen über seine Kinder. (Ihre Sorgen möchten wir haben!) Das Glück, das meine Schwester Nicole, mein Bruder Daniel und ich jeweils haben, ist, dass er diese Sorgen gerecht aufteilt. Er macht sich in gleichem Maße über Nicole, Daniel und mich Sorgen. Nicole und Daniel leben derzeit im Ausland. Mit dem Effekt, dass er sich in diesen Tagen eher mehr Sorgen über die beiden macht als über mich. Mich hat er eben unter näherer Beobachtung. Meine Liebe zu meinen Geschwistern und mein Gerechtigkeitssinn haben mich bewogen, nun auch mehr Zeit im Ausland zu verbringen.
Wir setzen seit unserer Kindheit alles daran, meinem Vater seine Zeit in der Badewanne nicht zu erschweren. Wir waren alle in der Schule, wir haben alle anständige Berufe erlernt (Daniel kämpft noch!), wir nehmen keine Drogen, wir „verkehren“ in guten Kreisen, ja wir ernähren uns sogar alle gesund und betreiben Sport. Mein Vater — jedoch- badet jeden Tag.
Wenn sich mein Papa nach einem Einbruch in sein Auto darüber freut, dass er sich endlich ein neues Autotelefon kaufen kann, wenn er beim Parkplatz suchen ganz knapp vor einem Fußballmatch meint, es sei eine so wunderbare Institution der Stadt Wien, dass es Abschleppwagen gibt, weil es in Simmering eben genug Parkplätze gibt und er sich quasi in „dritte Spur“ parkt, wenn mein Vater in total überfüllten Lokalen vom Kellner nur den allerbesten Tisch akzeptiert, dann hat er mich vor allem eines gelehrt: Vor nichts Angst zu haben. Nicht von irgendwoher muss mir als Kind beim Haifischfischen auf einer Fischeryacht mit ihm folgendes eingefallen sein: „Papa, bitte gib ihm was, er soll umdrehen, mir ist schlecht!“ (Wir waren gerade eine Stunde unterwegs, das Schiff war bummvoll und die Rückkehr war mit spätem Abend geplant). Er hat mir dieses wunderbare Gefühl eingeprägt, alles erledigen zu können. Und dieses Gefühl hat sich bei mir verinnerlicht. Danke, Papa!
(Es ist halb sechs in der Früh, ich habe gerade einige mails in Firmenangelegenheiten versendet, mein Vater beantwortet mir gerade eines dieser mails und sorgt sich, warum ich nicht noch schlafe. „Kannst Du nicht schlafen?“ Ich mach mir jetzt Sorgen, welche Schlüsse er daraus in seiner gleich beginnenden Badewannensession ziehen wird. Ich mache mir Sorgen, dass er sich Sorgen machen wird. Soll ich wieder schlafen gehen? Wie beweise ich ihm, dass ich mich eh wieder hingelegt habe?)
Wenn mein Vater in der Früh in die Firma kommt, geht er an meinem Büro vorbei. Er prüft meinen Gesichtsausdruck und schickt mich auf Urlaub. Er macht sich Sorgen, dass ich zu viel arbeite. Für wichtige strategische Entscheidungen, in Situationen, in welchen sich unsere Firma an einer Wegkreuzung befindet, nehmen wir uns gerne irgendwo außerhalb der Firma einige Stunden Zeit, um die Situation zu analysieren. Und das geht in den meisten Fällen so: wir erörtern kurz die Situation, schauen einander an, sind uns einig und sprechen über die Austria.
Über meine Frauengeschichten sprechen wir fast nie. Erst wenn es gar nicht mehr anders geht. Lustig wurde es, als ich ihn vor einigen Jahren in Velden besuchte. Damals war ich bereits seit mehr als einem halben Jahr in einer fixen Beziehung. Er hatte davon keine Ahnung. Unangekündigt kam ich eben in Begleitung. Er ließ sich seine Verwunderung kaum anmerken.
Ja, auch plagte mich schon so manchesmal Liebeskummer. Das ist dann auch so eine Situation, wo es eben nicht mehr anders geht. Dann sieht er mir meinen Kummer an, seufzt, macht sich Sorgen, und wir sprechen über meinen Liebeskummer. Er kann Frauen einfach nicht verstehen, die seinen Sohn nicht verehren.
Überhaupt hat mein Papa eine erstaunliche Fähigkeit sich in Dinge, Situationen, Menschen unfassbar schnell und mit scharfem Verstand hineinzudenken. Einmal schaut er mir beim Tennis zu, er analysiert meine technischen Mängel und ist trotzdem begeistert. Ich gehe mit ihm zu einem Basketballspiel, er versteht nicht, warum der Trainer nicht mehr auf Zonenverteidigung setzt und glaubt einen neuen Lieblingssport gefunden zu haben. Bei einem Konzert wundert er sich über die Fehler des Dirigenten, bei Koalitionsverhandlungen wäre er gerne dabei, unsere Anwälte berät er strategisch. Nicht selten verändert er das Konzept in seinen Lieblingslokalen und Ärzte berät er auch. Besonders gerne revolutioniert er das Gesundheitssystem und löst den Nahostkonflikt. Und er ist wirklich der einzige, der ihn lösen könnte. Davon bin ich überzeugt.
Oft fragen mich meine Freunde, wie es möglich ist, mit dem eigenen Vater gemeinsam zu arbeiten. Ich frage mich, wie es möglich ist, so eine blöde Frage zu stellen. Wir haben einen unendlichen Spaß miteinander. Einige Sitzungen halten wir gemeinsam ab. Wir sitzen uns dann meist gegenüber. In kritischen Situationen suchen wir den Augenkontakt und wissen dann Bescheid. Das für Außenstehende schier Unfassbare ist jedoch, dass wir diesen kurzen Augenkontakt eigentlich nicht benötigen. Der gilt nur als Bestätigung, wenn wir ganz sicher gehen wollen. Wir denken und fühlen einfach immer dasselbe.
In diesem Zusammenhang muss ich mir dann oft unweigerlich die Frage stellen, ob denn das gut für mich sei. Wenn Mitarbeiter sagen, dasselbe hätte mein Vater auch gesagt, wenn Freunde sagen, ich hätte einen Zwillingsbruder…Wo bleibt denn meine Individualität?
Schon wieder eine blöde Frage. Kann denn mein Vater Tennis spielen?
Ich danke meinem Papa, dass er sich Sorgen um mich macht. Ich danke meinem Vater, dass er mich gelehrt hat, was im Leben wichtig ist und was nicht. Ich danke meinem Vater, dass er da ist und den Mut hat, mich oftmals zu korrigieren. Ich danke ihm, dass ich die Möglichkeit habe, sein Partner zu sein und wir in unserem Beruf einen Riesenspaß haben. Ich danke ihm, dass er nicht Kultusgemeindepräsident werden will. (Das hab ich wohl mit dem Muzicant gemeinsam…) Ich danke ihm, dass er mir geholfen hat zu verstehen, dass ich nicht Austria-Präsident werden will. Ich danke meinem Papa, dass er mir vorlebt, wie man gibt, wie man noch mehr gibt und wie man liebt. Ich danke meinem Vater und meiner Mutter, dass ich ein Zuhause habe, dass ich meine Wurzeln kenne, dass ich heute verstehe, was es bedeutet, mit Würde zu leben. Ich danke meinem Papa, dass er mir ein Vorbild ist.
Ich komme mir lächerlich vor, weil ich das, was ich über meinen Papa denke und fühle hier nicht einmal ansatzweise ausdrücken kann.
Ich wünsche meinem Vater für seine zweite Lebenshälfte, dass in seiner Badewanne seine Sorgen dem Bewusstsein, eine wunderbare Familie zu haben, die ihn über alles respektiert und liebt, weichen. Ich wünsche ihm, dass er verinnerlicht, dass er bereits alles und für jeden gegeben und getan hat. Ich wünsche ihm, dass er jeden Tag noch mehr Leichtlebigkeit fühlt und seine Begeisterungsfähigkeit ihn täglich animiert. Ich wünsche ihm Gesundheit bis 120!