Erwin Javor - Name und Signatur
43007

Der Beste
NICOLE ÜBER ERWIN

Es ist Freitag Vormittag, ich erhole mich gerade von meinem Jetlag (ich bin gerade erst aus Amerika angekommen, um hier den Geburtstag meines Vaters würdig zu feiern), und ich bin krank. Mein Vater weiß noch nichts davon, denn wenn er davon wüsste, würde er sich wieder große und zum Grossteil unnötige Sorgen machen… Es ist nur eine Kleinigkeit, und vermutlich werde ich in ein paar Stunden wieder fröhlich durch die Gegend hupfen, aber der Gedanke, dass mein Vater sich Sorgen machen könnte, macht wiederum mir Sorgen, und deswegen habe ich ihm (noch) nichts davon erzählt. So war es eigentlich schon in meiner frühesten Kindheit, und meine Eltern haben sich in dieser Beziehung kaum voneinander unterschieden. Sie haben sich immer die größten Sorgen um Marcel und mich gemacht, und das hat und wird sich wohl nicht ändern. Es ging sogar so weit, dass ich, sobald ich mich nicht gut fühlte, ein schlechtes Gewissen hatte, weil ja ich Schuld daran habe, dass meine Eltern sich jetzt Sorgen machen…
Es gibt so unsagbar viele schöne Geschichten, die ich hier über meinen Papi schreiben könnte. Natürlich gab es auch ein paar nicht so schöne, aber zum Glück haben die schönen die nicht so schönen bei WEITEM übertroffen.
Mein Papa wollte und will noch immer nur das Beste für mich und meine Brüder. Sobald er etwas entdeckt, dass er zum Zeitpunkt für das Beste hält, stellt er immer sicher, dass wir, Marcel, Daniel und ich, auch davon profitieren können. Egal, ob es das beste Restaurant, der beste Kellner, das beste Buch, die beste Reise, das beste Hotel, die beste Kamera oder natürlich der beste iPod ist. Er teilt diese Information immer sofort und in großen Tönen mit uns und stellt sicher, dass wir auch so schnell als möglich die Erfahrung machen können.
Als er David und mich zuletzt in Los Angeles besuchte, musste ich mit ihm (und das habe ich mit Freude gemacht), alle Mac-Stores des Öfteren abklappern. Er kaufte von jedem iPod Modell zumindest 1 Stück, meistens mussten es sogar mehr sein, denn immerhin sollten alle in Wien auch davon profitieren können. An einem der letzten Tage stellte er entsetzt fest, dass ich als einzige Javor noch keinen iPod besäße, wollte mir natürlich sofort den besten kaufen und war direkt enttäuscht, als ich ihm offenbarte, dass ich absolut kein Interesse hätte. (Ich machte es ihm allerdings leicht, seine Enttäuschung zu überwinden und wünschte mir anstatt dessen eine Nespresso Maschine, so muss ich seitdem nicht mehr unter dem amerikanischen “Kaffee” leiden!)
Es ist auch immer so schön, beobachten zu können, wie sehr sich mein Papa begeistern kann. Wenn er etwas mag, kann er dieses nicht oft genug betonen. Wir hören dann nur immer und immer wieder:
„Das ist das beste Restaurant, in dem ich je gegessen habe. Ab jetzt komme ich nur noch hier her!“ (Anmerkung: Die meisten dieser Restaurants hat er schon längst vergessen...). Oder, wenn ich im Theater neben ihm sitze (zum Beispiel bei der Premiere von „Heimat, sweet Heimat“, das er natürlich schon unzählige Male davor in den Proben gesehen hatte), hört man immer nur: „Pass auf, jetzt kommt die beste Szene. Schau gut zu, es ist EINMALIG!!!“ — und dann 5-10 Minuten später: „Jetzt musst Du aufpassen, jetzt kommt das allerbeste, so was hast Du noch nicht gesehen, wirklich!!!“. Meistens weiß ich erst, worum es in einem Stück geht, wenn ich es mir bei der 2. Vorstellung anschaue, denn bei der ersten genieße ich es viel zu sehr, meinen Vater zu beobachten... Er ist der Beste.
Papa, ich freue mich schon auf die nächsten 60 Jahre, denn ich habe Dich FURCHTBAR lieb!!!!