Meine Sis
MARCEL ÜBER NICOLE
Als wäre es gestern sehe ich meine Oma Rosi in dem Textilgeschäft meiner Großeltern hinter der Kassa stehen. Es war um die Weihnachtszeit. Das Geschäft war so voll, dass sie es zusperren musste, damit nicht noch mehr Kunden in das Geschäft strömen konnten.
„Gnädige Frau“, mahnte meine Oma, „haben Sie sich endlich entschieden?“. Es muss an diesem Tag gewesen sein, dass ich mich ins „Verdienen“ verliebt habe. Das Klingeln der Kassa fehlt mir in der heutigen Zeit des E-banking. Ja, meine Oma war streng mit den Kunden. Charmant aber beinhart. War der Kunde nicht König?
„Umtauschen kommt überhaupt nicht in Frage!“ , „Nein, Sie können nur ein Sackerl haben, na hören Sie gnädige Frau!“
Das Marketingstudium an der WU lehrt etwas vollkommen anderes. Deswegen ist das WU Studium auch nichts wert. Man muss es in den Genen haben.
Meine Schwester, Nicole, hat diese Gene. In dieser Hinsicht die Gene meiner Oma Rosi. Wenn ich meine Schwester im letzten Jahr im Theater beobachtet habe, sehe ich meine Oma am Rudolfsplatz vor mir. Wie kommen Theaterbesucher überhaupt auf die freche Idee, Karten für eine Premiere kaufen zu wollen? Die ist doch längst ausverkauft. Oder wie kommen potentielle Theaterkunden auf die verwegene Idee, Karten reservieren zu wollen. Reservieren ja, aber nur gegen Cash! Und wehe ein Kunde möchte bereits gekaufte Karten umtauschen!
Gut, dass es im Theater keine Sackerl gibt…
Meine Schwester hat im letzten Jahr die Theaterorganisation geleitet. Sie strahlte dabei etwas ganz Eigenes aus. Man bekommt fast ein schlechtes Gewissen, Kunde zu sein. Einmal habe ich mich dabei ertappt, als ich eine Premiere besucht habe, (ja, ich habe die Karten tatsächlich geschenkt bekommen!) zu kontrollieren, ob meine Schuhe auch geputzt sein. Sie waren es! Nie hätte ich es gewagt..
Auch bei der Organisation dieser Webpage wird sie die „Chefin“ genannt. Und das obwohl sie mittlerweile in Amerika weilt. Aber kein Beistrich ohne Ihr Einverständnis!
Kellner haben ihren Beruf gewechselt, nachdem meine Schwester entdeckt hat, dass die Rechnung zu hoch ausgefallen ist. Jede Rechnung wird kontrolliert!
Nicole hat auch weniger dominante Seiten. Zu Schulzeiten musste die Familie bereits Tage vor meinen Schularbeiten mit dem Daumendrücken beginnen. Wenn es kein Fetzen wurde, musste ich gefeiert werden. Unbeeindruckt fegte meine Schwester derweil ganz im Hintergrund von Vorzug zu Vorzug, von einer perfekten Prüfung zur anderen.
Sie heilte mich von meinem 5-Tage-Schluckauf, sie überwacht den Puls meines Vaters bei Premieren, Geburtstage nimmt sie ernst, Trainingszeiten mit Alex werden von ihr eingeteilt. Man kommt nicht einmal auf die Idee. sich dieser Obrigkeit zu widersetzen.
Meine Schwester und ich sind grundverschieden. Aber ich spüre in jedem Moment, dass ich mich auf sie verlassen kann. Es ist ein wunderbares Gefühl, mir immer ihrer uneingeschränkten Liebe sicher zu sein.
Wer geglaubt hat, Palm Desert ist am A. der Welt, der irrte. Man spürt die Liebe und den Willen meiner Schwester – trotz Zeitverschiebung. Und das ist gut so.