Erwin Javor - Name und Signatur
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Wer bin ich?

NU - Ausgabe Nr. 50 (4/2012)
Von Erwin Javor

Heute mache ich mir zur Abwechslung einmal Gedanken über die Juden. Vor allem über mich. Wer bin ich eigentlich?

In Wien, ein braver IKG-Wähler. Was soll ich sonst machen? Weil eigentlich ist mir vollkommen klar, dass unsere Wahlen eine Provinzposse waren. Es gibt in Wien 5.600 wahlberechtigte Juden. Davon sind etwas über 60 Prozent zur Wahl gegangen, um sich für einen der 24 Kultusräte zu entscheiden. Und jetzt raten Sie einmal, wie viele Parteien sich um diese unmöglichen und unbezahlten Jobs verbissen gerissen haben. Sie haben falsch geraten. Ganz falsch. Kalt, ganz kalt. Sie erraten es nie. Es waren 10! Es ist also bei 3.385 für 10 Parteien gültig abgegebenen Stimmen durchaus wahrscheinlich, dass manche Parteien für eine der für sie abgefallenen Stimmen mehr als 300 Euro für die peinlich- aggressive Wahlwerbung ausgegeben haben. Und wofür das Ganze? Das hätten sie billiger haben können. Wenn sich ein paar gute, kreative und intelligente Fachleute zusammengesetzt und guten Willens ein paar Ideen entwickelt hätten, wäre wesentlich mehr dabei herausgekommen.

Zu einem beeindruckenden Wahlkampf haben diese Investitionen jedenfalls nicht geführt. Wenn ich nur daran denke, dass die Atid nicht einmal die Schamgrenze eingehalten hat, einen Toten aus ihren Querelen herauszuhalten. Sie hat sich nicht entblödet, auf eine angebliche Aussage des verstorbenen Alexander Friedmann zurückzugreifen, um einen politischen Gegner herabzuwürdigen und zu diffamieren. Soweit ich Alex, der große und nachhaltige Errungenschaften für die Gemeinde geleistet hat, in Erinnerung habe, bin ich sicher, dass er eher damit beschäftigt war, die eine oder andere Pointe über den derzeitigen Präsidenten als über Martin Engelberg zu formulieren. Aber die Geschmacklosigkeit, mit Hilfe eines Toten Ossi Deutsch derart zu verhöhnen, wäre niemandem eingefallen.

Und nicht einmal jetzt, wo die Wahl entschieden ist, können die „Gewinner“ in ihrem Siegestaumel und Machtrausch – nebbich – damit aufhören, auf Engelberg herumzuhacken und nachzutreten, wie ihre Website demonstriert. Peinlich. Aber es ist, wie es ist. Und die ersten öffentlichen Stellungnahmen meines neuen Präsidenten Ossi Deutsch, unbeholfen und nur grammatikalisch kreativ, lassen nichts Gutes für die Zukunft erwarten. Aber wie heißt es so schön, wem Gott gibt ein Amt, dem gibt er auch Verstand. Das Potenzial nach oben ist unbegrenzt.

Ja, ich wollte diesmal eigentlich über mich schreiben. Wer bin ich?! Die einzige Antwort auf diese zutiefst jüdische Frage kann doch nicht gewesen sein „ein Wähler der IKG“! Ich habe heuer doch noch etwas anderes erlebt. Im Sommer war ich in der heutigen Ukraine, auf einer ganz persönlichen Reise auf den Spuren meines Vaters, und habe mit eigenen Augen gesehen, was ich vorher schon gewusst habe. Die Welt seiner Generation ist ausgelöscht und untergegangen. Aber mein Vater und seine Generation haben sich nicht unterkriegen lassen und haben ein neues Leben aufgebaut. Diese Generation hatte allen Grund, sich als Opfer zu sehen und hat sich letztlich dieser Rolle verweigert.

Umso eigenartiger, wenn manche ihrer Nachkommen, die von den wahren Opfern behütet, beschützt und verzogen wurden, sich in der Opferrolle, die sie gottlob nie auch nur annähernd erleiden mussten, gemütlich einrichten.

Genau darum geht es im jüngst erschienenen Buch von Peter Menasse. In seiner Rede an uns argumentiert er (und ich teile seine Meinung), dass wir stattdessen – ohne einen Schlussstrich des Vergessens auch nur in Betracht zu ziehen – mutig und selbstbewusst in die Zukunft schauen und unsere vorhandenen Werte pflegen müssen.

Wer bin ich ... Ich bin gerade in Tel Aviv. In den letzten zwei Tagen musste ich bereits zweimal alles stehen und liegen lassen und für kurze Zeit in einem Bunker vor Hamas-Raketen Schutz suchen. Bin ich deshalb ein Opfer? Sind die Israelis Opfer? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur eines. Hier läuft alles mit beeindruckend großer Gelassenheit, Entschlossenheit und Ernsthaftigkeit ab. Business as usual. Seit der Staatsgründung ist Israel unter Beschuss, es wird seine bloße Existenz bekämpft. Aber Israelis verhalten sich selbstbewusst, selbstkritisch und richten den Blick in die Zukunft, was nicht der erste Gedanke sein müsste, wenn man immer wieder in den Bunker fliehen und sein bloßes Leben verteidigen muss. Israelis hätten Grund, sich als Opfer zu sehen. Sie tun es nicht. Gut so!

Und wer bin ich?

 

 

Oj Mamme!

NU - Ausgabe Nr. 50 (4/2012)
Von Erwin Javor

Bekanntlich gehen die meisten erwachsenen männlichen Juden früher oder später zum Psychiater. In anderen Worten, reden wir von der Mamme (der Mutter). Nachdem die Mammeloschn nach ihr benannt sind, wird es Zeit, ihr endlich einmal eine Kolumne angedeihen zu lassen:

Drei jüdische Mammes treffen sich im Kaffeehaus und schwärmen von ihren Söhnen. „Mein Itzig, mein Kroin (mein Isaac, meine Krone), ruft mich täglich zweimal an und fragt, wie es mir geht!“ - „Das ist nichts!“ sagt die zweite. „Mein Moischele, mein Professor, mein Talmud Chuchem (mein Moses, mein Gelehrter), schickt mir jeden Tag Blumen!“ – Die dritte zuckt unbeeindruckt mit den Schultern. „Tss. Das ist doch gar nichts! Mein Schimschoin, mein Sießer (mein Simon, mein Süßer), geht jeden Tag zum Doktor.“ – „Und was macht er dort?“ – Triumphierend antwortet die stolze Mamme: „Er redet nur von mir!“

Und das beweist auch, dass Jesus Christus Jude war. Er fand sich kein nettes jüdisches Mädchen zum Heiraten, er lebte viel zu lange zu Hause und die Mamme war fest davon überzeugt, dass ihr Sohn Gott ist.

Einige der Merkmale der Spezies jiddische Mamme sind bereits deutlich zu erkennen. Weiters ist sie per Definition eifersüchtig, bestimmend, besitzergreifend, weiß alles besser, klammert, macht sich immer Sorgen und stopft ihre Kinder ständig mit Lebensmitteln voll. Außerdem kann sie besonders gut nachhaltige Schuldgefühle erzeugen. Was sie allerdings vor allem auszeichnet, ist ihre unerschütterliche Überzeugung, dass ihre Kinder Genies und schön sind. Was logischerweise dazu führt, dass niemand für sie gut genug sein kann:

Mordechai Blumenfeld hatte seiner Mutter schon so viele Freundinnen vorgestellt, keine war ihr recht. Keine. Friedliebend wie er war, ersann er schließlich eine List, um dieses Problem endlich in den Griff zu bekommen. Er lud gleich zehn gutaussehende, nette, kluge, junge Frauen ein, um sie seiner Mutter vorzustellen. Bedacht auf Gerechtigkeit, schäkerte er gleichmäßig mit jeder, um seine wahre Vorliebe zu verschleiern. Der Abend verlief planmäßig. Mordechai rieb sich schon die Hände. Am nächsten Tag fragte er verschmitzt seine Mutter: „Nu? Welche werde ich heiraten?“ – „Natürlich die Rothaarige!!“ Mordechai war sprachlos. „Woher hast du das gewusst??!“ Die Mutter wirft ihrem Spross einen mitleidigen Blick zu. „Sie gefällt mir nischt!“

Mordechais Bruder Schmuel versuchte aus dieser bitteren Erfahrung zu lernen. Er legte es wissenschaftlich an, ging folglich zum Rebben und fragte den um Rat. „Reb Schloime. Was soll ich tun? Wie komme ich zu einer Frau, die mir die Mamme nicht ablehnt?“ - „Hm. Hmm!!“ Reb Schloime war sich der Herausforderung bewusst. Nach langer, reiflicher Überlegung blitzte es schließlich in seinen Augen auf, er hatte die Lösung: „Such dir ein Mädchen, das deiner Mutter ähnlich ist, gegen so eine kann sie nichts sagen.“ Schmuel gefiel der Gedanke, und er machte sich auf die Suche. Reb Schloime war gespannt. Wochen und Wochen hörte er kein Wort mehr von Schmuel, also bestellte er ihn schließlich zu sich: „Nu? Was is?!“ Schmuel seufzte tief. Sehr tief. Und erzählte. „Ich habe genau das gemacht, was der Rebbe geraten hat. Ich habe mir eine Frau gesucht, die fast genauso wie meine Mamme aussieht. Die redet wie sie. Die sich anzieht wie sie. Die sich bewegt wie sie. Die sogar kocht wie sie. Die mich herumkommandiert wie sie.“ – „Nu? Nu? Was ist geschehen? Hat sie der Mamme denn nicht gefallen?!“ – „Oh, doch“, seufzte Schmuel, „ober der Tate hot sie fant! (Aber mein Vater mag sie nicht.)“

Und jetzt muss ich leider gehen, ich habe einen Termin beim Psychiater.